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Studie: Koexistenz von gentechnisch veränderten, konventionellen und biologisch angebauten Kulturpflanzen in der Österreichischen Landwirtschaft

Die von Dr. Kathrin Pascher und Mag. Marion Dolezel verfasste Studie mit dem Titel „Koexistenz von gentechnisch veränderten, konventionellen und biologisch angebauten Kulturpflanzen in der Österreichischen Landwirtschaft - Handlungsempfehlungen aus ökologischer Sicht“ ist 2005 in der “Roten Reihe” des BMGF erschienen (Band 2/05, ISBN 3-900019-29-0).

(13.04.2005)

Einleitung und Zielsetzung der Studie

Gentechnisch veränderte Kulturpflanzen (GV-Pflanzen) wurden im Jahre 2003 weltweit auf insgesamt 67,7 Mio. ha angebaut. Das bedeutet eine Vergrößerung der Anbauflächen gegenüber 2002 um 15%. Die folgenden Länder sind maßgeblich an der Produktion von GV-Pflanzen beteiligt: die USA mit zirka 64%, Argentinien mit rund 21%, Kanada mit etwa 7%, sowie Brasilien und China mit je 4%.

Auf EU-Ebene sind Regelungen sowohl hinsichtlich des Anbaus und des Inverkehrbringens, als auch der Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von GVO bereits festgelegt. Im September 2004 sollten zudem gesetzliche Regelungen bezüglich konkreter kulturpflanzenspezifischer Schwellenwerte für Saatgut, sowie zur GVO-Kennzeichnung des Saatguts beschlossen werden. Die Beschlussfassung der Europäischen Kommission wurde jedoch aufgrund von Uneinigkeit vertagt (www.biosicherheit.de). Trotz dieser umfassenden legislativen Werke ist die Frage der Koexistenz des Anbaus von gentechnisch veränderten, konventionellen und biologischen Feldfrüchten bis zum heutigen Zeitpunkt EU-weit nicht geregelt.

Wie kann ein Nebeneinander des Anbaus von GV-, konventionellen oder biologischen Feldfrüchten möglich sein, wenn nicht im Vorhinein durch klar definierte Maßnahmen sichergestellt wird, dass den konventionellen oder biologisch wirtschaftenden Landwirten aufgrund von GVO-Verunreinigungen in ihrem Erntegut kein ökonomischer Schaden entsteht? Gemäß der EU-Richtlinie 1804/1999 und internationaler Vereinbarungen ist die Verwendung von GVO in der Bioproduktion nicht erlaubt. Wenn GVO-Kontaminationen in Bioprodukten den festgelegten Schwellenwert überschreiten, würde dies die Aberkennung als „biologisch erzeugt“ nach sich ziehen und trotz des erforderlichen Mehraufwandes im Zuge der landwirtschaftlichen Produktion zu einem Einkommensverlust für den Landwirt führen. Zudem würde dies die Konsumentenakzeptanz für Bioprodukte erheblich senken. Für Produkte, die konventionell erzeugt werden, wurde ein Schwellenwert für in der EU zugelassene GVO von 0,9% festgelegt (VO 1829/2003 über genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel und VO 1830/2003 über die Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von GVO), der eine Kennzeichnungspflicht nach sich zieht. Für Saatgut sind, wie bereits oben erwähnt, derzeit noch keine verbindlichen Richtlinien fixiert, von der Europäischen Kommission liegen jedoch bereits Vorschläge für kulturpflanzenspezifische Schwellenwerte vor, deren Überschreitung eine GV-Kennzeichnung von Saatgut notwendig macht (SANCO/1542/2003 draft commission directive). Es stellt sich jedoch bereits heute die Frage, ob aufgrund der großen Diversität der Anbaugebiete in den EU-Mitgliedsstaaten und der daraus resultierenden sehr verschiedenartigen landwirtschaftlichen Praktiken eine Einhaltung dieser EU-weit verbindlichen Schwellenwerte überhaupt möglich sein wird.

Leitlinien der Europäischen Kommission zur Koexistenz

Am 23. Juli 2003 veröffentlichte die Europäische Kommission „Leitlinien für die Erarbeitung einzelstaatlicher Strategien und geeigneter Verfahren für die Koexistenz gentechnisch veränderter, konventioneller und ökologischer Kulturen“ (2003/556/EC). Die Leitlinien zu den Koexistenzregelungen sollen das Nebeneinander der unterschiedlichen landwirtschaftlichen Anbauformen garantieren. Die Kommission hebt darin hervor, dass sich Koexistenzregelungen ausschließlich auf die wirtschaftlichen Aspekte und Konsequenzen des Anbaues konzentrieren sollen, da ökologische und gesundheitliche Aspekte bereits im Zulassungsverfahren der GVO berücksichtigt wurden (Kapitel 1.2 der Leitlinien). Hervorgehoben wird auch, dass bei den vorgeschlagenen Maßnahmen zur Koexistenz Rücksicht auf die Verschiedenartigkeit der Betriebsstrukturen, Erzeugungsformen, Anbaustrukturen und natürlichen Gegebenheiten eines Landes genommen werden sollte. Folglich soll es auch den Mitgliedstaaten überlassen bleiben, solche Maßnahmen zu definieren und umzusetzen. Der Geltungsbereich der Leitlinien erstreckt sich von der landwirtschaftlichen Erzeugung bis zur ersten Verkaufsstelle.

Bei der Erarbeitung der nationalstaatlichen Strategien sollen folgende Grundsätze berücksichtigt werden:

  • Transparenz und Einbeziehung von Interessensgruppen
  • Entscheidungen auf wissenschaftlicher Basis 
  • Aufbau auf bestehenden Trennungsverfahren und –praktiken 
  • Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen
  • Tragweite (Betriebsführungsmaßnahmen statt regionaler Maßnahmen) 
  • Spezifität der Maßnahmen je nach Kulturart und Erzeugnis 
  • Durchführung der Maßnahmen mit Berücksichtigung der Interessen aller Landwirte
  • Wahl politischer Instrumente (freiwillige Vereinbarungen, private Regelungen oder Rechtsvorschriften) 
  • Regelung der Haftungsfragen
  • Überwachung und Bewertung der Koexistenzmaßnahmen

Unter Beachtung dieser Grundsätze sollen auch der Grad der zu erreichenden Koexistenz, die Ursachen zufälliger Beimischungen, Schwellenwerte für die Etikettierungen, das arten- beziehungsweise sortenspezifische Verhalten, die Saatguterzeugung und regionale Aspekte berücksichtigt werden. Ein indikativer Maßnahmenkatalog für die Betriebsführung, sowie sonstige Maßnahmen sind in den Leitlinien angeführt, die je nach nationalstaatlicher Strategie Eingang in die Koexistenz-Regelungen finden könnten (Kapitel 3 der Leitlinien).

Definitionen von Koexistenz

Der Begriff „Koexistenz“ wird oft als europäische Erfindung gesehen. Eine Diskussion zu dieser Thematik findet jedoch bereits seit geraumer Zeit statt. Die Koexistenzdebatte begann in der Europäischen Union in etwa zur gleichen Zeit wie in den USA. Es gibt auch zahlreiche Definitionen zur Koexistenz. Alle Definitionen haben gemeinsam, dass sie die “Möglichkeit”, “Wahl” oder “Freiheit” der Landwirte für die Anwendung einer bestimmten landwirtschaftlichen Produktionsweise hervorheben. In manchen Definitionen wird noch zusätzlich betont, dass dies unter Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen erfolgen muss. Nur eine Definition weist darauf hin, dass dem Konsumenten die Wahlmöglichkeit zwischen den unterschiedlichen Produktionsweisen gegeben werden sollte.

Ziel und Geltungsbereich der vorliegenden Studie

Zur Schaffung von Rahmenbedingungen für die Koexistenz von GV-, konventionell und biologisch hergestellten Feldfrüchten müssen Regeln und Maßnahmen definiert sein, um eine unbeabsichtigte Verbreitung von gentechnisch modifiziertem Material und somit GV-Kontamination über dem gesetzlich festgelegten Schwellenwert im konventionellen oder biologischen Saat- und Erntegut zu verhindern. Derartige Regelungen können einerseits dem Landwirt die Sicherheit geben, jene Feldfrucht anbauen zu können, die den von ihm geforderten Qualitätsmerkmalen und somit seinem Absatzmarkt entspricht und andererseits dem Konsumenten die Wahlfreiheit und Sicherheit garantiert, jenes Produkt zu erhalten, das seinen Qualitätsanforderungen gerecht wird. Dieses Ziel sollte durch die Einhaltung von Maßnahmen für die Kultivierung und den Anbau von GVO erreicht werden. Gemäß den Leitlinien der Europäischen Kommission müssen diese Maßnahmen feldfruchtspezifisch sein und auf einer wissenschaftlichen Basis beruhen. Zudem müssen die Maßnahmen an die spezifischen Bedingungen der vorliegenden Landwirtschaft und Kulturlandschaft des jeweiligen EU-Mitgliedsstaates angepasst sein.

Die vorliegende Studie behandelt die folgenden Themenbereiche:

  1. Erfassung und Evaluierung der Quellen von GVO-Verunreinigungen in konventionellen oder biologischen Produktionsformen und Abschätzung des Ausmaßes dieser Verunreinigungen
  2. Vorschläge von Maßnahmen zur Reduktion von GVO-Verunreinigungen, sowie Evaluierung dieser Maßnahmen hinsichtlich ihrer Effektivität bei verschiedenen Kulturpflanzen in unterschiedlichen Anbausystemen und –regionen Österreichs
  3. Zusammenfassung der Erfahrungen zur Koexistenz der in dieser Studie behandelten Feldfrüchte aus anderen Ländern mit GVO-Anbau

Dabei stehen jene Feldfrüchte im Vordergrund, für die am ehesten ein kommerzieller GVO-Anbau in Europa zu erwarten ist. Das sind Mais, Raps und Zuckerrüben. Der Geltungsbereich der Studie erstreckt sich vom landwirtschaftlichen Anbau dieser Feldfrüchte bis zur ersten Verkaufsstelle („von der Aussaat bis zum Silo”). Maßnahmen für höhere Stufen in der Lebensmittelkette (Verarbeitung) werden in dieser Studie nicht berücksichtigt.

 

Zu dieser Studie sind überdies sowohl eine deutsche Zusammenfassung als auch eine Summary zum Download verfügbar.

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