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Wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf die österreichischen Importverbote

Die im Auftrag des BMGF erstellte Studie mit dem Titel "Review of scientific evidence including latest findings concerning Austrian safeguard measures for GM-Maize lines MON810 and T25" ist von dem Autorenteam des Umweltbundesamtes (Mag. Marion Dolezel, Dr. Michael Eckerstorfer, Dr. Helmut Gaugitsch und Dr. Andreas Heissenberger) und des Inter-University Research Centre for Technology, Work and Culture (Dr. Armin Spök) im Oktober 2006 fertiggestellt worden.

Die vorliegende Studie untersucht die wissenschaftliche Risikoabschätzung der möglichen Umweltauswirkungen und Gesundheitsrisiken von zwei gentechnisch veränderten Maislinien, MON810 und T25. Es werden dabei insbesondere neuere wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt.

Die beiden gentechnisch veränderten Maislinien haben das EU-Zulassungsverfahren auf Grundlage der Richtlinie 90/220/EWG durchlaufen. Als Ergebnis des Verfahrens wurde ihre Verwendung in der EU genehmigt. Einige Mitgliedsstaaten, darunter auch Österreich, verhängten anschließend Importverbote für diese GV-Maissorten auf der Grundlage von Artikel 16 der EU-Richtlinie 90/220/EWG.

Die vorliegende Studie untersucht die wissenschaftliche Risikoabschätzung der beiden Maislinien und konzentriert sich dabei auf jene Aspekte, die bereits in den bisherigen Stellungnahmen Österreichs aufgegriffen wurden. Bei beiden Maislinien wurden Mängel und Schwächen in der Risikoabschätzung festgestellt, weshalb Umwelt- und Gesundheitsrisiken nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können.

Umweltrisiken von MON810 Mais

Folgende Problembereiche in Bezug auf Umweltauswirkungen der GV-Maissorte MON810 wurden identifiziert und untersucht:

  • Mögliche unerwartete Auswirkungen der GV-Sorte auf Nichtzielorganismen
  • Wissenschaftliche Unsicherheiten hinsichtlich des Resistenz-Managements in Bezug auf die vorgeschlagene Strategie (Hochdosis-Refugium-Strategie)
  • Die Möglichkeit des verstärkten Aufkommens von sekundären Schädlingen 
  • Das Fehlen eines Monitoring-Planes

Hinsichtlich möglicher unerwarteter Auswirkungen von MON810 auf Nichtzielorganismen kann festgestellt werden, dass nur eine sehr beschränkte Anzahl von Nicht-Zielorganismen in Laboruntersuchungen hinsichtlich möglicher Auswirkungen von Bt-Toxinen untersucht worden ist. Neuere Untersuchungen zeigen, dass ein breiteres Spektrum von Insektenarten, darunter auch Nichtziel-Schmetterlingsarten, von Bt-Toxinen beeinträchtigt werden können. Neue Untersuchungen über die Auswirkungen von Bt-Toxinen auf Nicht-Zielorganismen höherer trophischer Ebenen haben auch gezeigt, dass negative Effekte von MON810 für ein ganzes Spektrum von Arthropodenarten möglich sind, welche nicht bei der Risikoabschätzung berücksichtigt worden sind.

Eine Bewertung der Risiken für diese Arten unter den Bedingungen der regionalen landwirtschaftlichen Gegebenheiten für eine kommerzielle Produktion wurde ebenfalls nicht durchgeführt. Basierend auf neueren Untersuchungen kann festgestellt werden, dass ein erheblicher Anteil der möglicherweise negativ betroffenen Arten in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten vorkommt und einige dieser Arten bereits aufgrund anderer Umstände in ihrem Bestand gefährdet sind. Diese Arten könnten durch einen Anbau von MON810 zusätzlich gefährdet werden.

Die Ergebnisse von Feldversuchen, welche im Zuge der Anmeldung vorgelegt wurden, sind zur Einschätzung der erwähnten Risiken aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht geeignet: Sie sind methodisch ungeeignet solche Risiken geeignet zu erfassen; die erhobenen Daten sind nicht geeignet, die gezogenen Schlussfolgerungen zu begründen, und die statistische Auswertung der Resultate ist insgesamt mangelhaft.

In Bezug auf das Management der Resistenzentwicklung bei Schadinsekten kann festgestellt werden, dass der vorgeschlagene Management-Plan aufgrund fehlender Informationen nicht abschließend beurteilt werden kann. Konkret fehlen wesentliche, grundlegende Daten zur Schädlingsbiologie und -ökologie, speziell Daten zur Ausgangslage bei den Frequenzen von Resistenzallelen und den Empfindlichkeitsschwellenwerten der einzelnen Nicht-Ziel Arten. Außerdem sollte ein an die speziellen örtlichen Gegebenheiten angepasster und umsetzbarer Resistenzmanagement-Plan vorgelegt werden, bevor eine Kommerzialisierung von MON810 ins Auge gefasst werden kann.

Aufgrund der bestehenden Unterschiede bei den klimatischen Verhältnissen und bei der landwirtschaftlichen Praxis lassen sich die in Spanien beim Anbau von MON810 gewonnenen Erkenntnisse nicht in der vorgeschlagenen Weise auf Österreich übertragen. Im Gegensatz dazu deuten die Unterschiede auf einen Bedarf in Richtung Anpassung der Management-Strategie zur Abwehr möglicher Resistenzbildung hin.

Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt ist das Fehlen eines geeigneten Monitoringplans. Einerseits ist ein solcher Plan nach den derzeit geltenden Vorschriften für Produkte wie MON810 obligatorisch vorzulegen. In dieser Hinsicht kann Annex VII der EU Richtlinie 2001/18/EC als allseits akzeptierter Standard gesehen werden. Andererseits ist ein derartiger Monitoringplan nötig, um die offenen Fragen bezüglich des möglicherweise vermehrten Auftretens sekundärer Schädlinge beantworten zu können. Diese Fragen wurden auch in der Stellungnahme des Scientific Committee on Plants als relevant bezeichnet.

Umweltrisiken von T25 Mais

Folgende Problembereiche in Bezug auf Umweltauswirkungen der GV-Maissorte T25 wurden identifiziert und untersucht:

  • Risiken in Bezug auf die betroffene Unkrautflora
  • Das Fehlen eines Monitoring-Planes
  • Nichtberücksichtigung regionaler Aspekte mit Bezug zur Koexistenzproblematik

Betreffend die Risiken in Bezug auf die betroffene Unkrautflora kann zusammenfassend festgestellt werden, dass die für den Zulassungsantrag des GV-Mais T25 vorgelegten Daten zur Risikoabschätzung nicht die Voraussetzungen erfüllen, um in einer geeigneten Weise die Effekte einer Verwendung dieser GV-Maissorte auf Unkraut-Pflanzen abschätzen zu können. Da durch die Verwendung dieser GV-Maissorte und insbesondere durch die damit verbundenen Änderungen in der Art der Unkrautbekämpfung aber mit solchen Effekten gerechnet werden muss, sollte eine eingehende Untersuchung derartiger Effekte im Sinne einer umfassenden Risikoabschätzung vorliegen. Eine solche Abschätzung im Einklang mit EU-Richtlinie 90/220/EEC Annex II, C.3 und C.4 sowie 2001/18/EC, Annex III B, D. sollte auf einer umfassenden Analyse der regionalen Unkrautflora und den Interaktionen zwischen dieser Flora und der GV-Maislinie T25 basieren. Derartige Untersuchungen liegen aber nicht vor.

In diesem Zusammenhang sollte auch der Effekt einer ungenügenden Kontrollwirkung von Glufosinat-Ammonium auf die Unkrautflora und die dadurch hervorgerufenen Verschiebungen in der Zusammensetzung der Unkrautflora untersucht werden. Die häufige Verwendung eines nicht-selektiven Herbizids wie Glufosinat-Ammonium kann zur Dominanz einiger widerstandsfähiger Unkrautspezies führen und dadurch schlussendlich zur Vermehrung von resistenten Unkräutern führen. Erfahrungen mit herbizidresistenten GV-Pflanzen zeigen die Möglichkeit einer solchen Entwicklung. In einzelnen Fällen zeigt sich, dass es dadurch zu Kontrollverlusten in Bezug auf das betroffene Herbizid kommen kann. Das legt nahe, dass auch im Fall von Mais T25 mittelfristig mit einer Zunahme in der Zahl der Unkrautbehandlungen und/oder mit der Anwendung anderer Herbizide gerechnet werden muss. Dazu kommt, dass die Verwendung der herbizidresistenten Maissorte T25 in Kombination mit der extensiven Verwendung des korrespondierenden Herbizids dazu beitragen kann, dass bereits gefährdete Pflanzen und Biotoptypen weiter unter Druck geraten.

In Bezug auf den fehlenden Monitoringplan trifft die oben angeführte Argumentation betreffend die GV-Maissorte MON810 auch auf T25 zu. Darüber hinaus kann festgestellt werden, dass die Langzeiteffekte der herbizidresistenten Pflanzensorte nicht unabhängig von den Auswirkungen des korrespondierenden Herbizids beurteilt werden können.

Speziell die Effekte der Verwendung von GV-Mais T25 in Kombination mit Glufosinat-Ammonium auf die regionale Unkrautflora sollten in einem solchen Monitoringplan angesprochen werden und im Zuge der Umsetzung untersucht werden.

Zusätzlich besteht eine ganze Reihe von offenen Fragen zu regionalen Aspekten der Verwendung von GV-Mais T25 im Zusammenhang mit der Koexistenzproblematik. In diesem Sinn ist es von besonderer Bedeutung, dass bis dato eine harmonisierte, gesetzlich verpflichtende Regelung dieser Problematik (und damit zusammenhängender Haftungsfragen) EU-weit noch aussteht. Die angestrebte Koexistenz von GV-Maissorten und konventionellen Sorten bzw. Bio-Sorten steht und fällt mit solchen Regelungen.

Mögliche Gesundheitsrisiken und substanzielle Äquivalenz der Maislinien MON810 und T25

Die Evaluierung von potentiellen Gesundheitsrisiken der Maislinien MON810 und T25 konzentriert sich auf potentielle allergene und toxische Eigenschaften sowie auf die vergleichende Inhaltsstoffanalyse (substanzielle Äquivalenz). Sie bezieht sich dabei auf die Zugänge in der Risikoabschätzung, die eingesetzten Methoden und berücksichtigen Daten und auf die im Einzelfall durchgeführten Untersuchungen. Bei beiden Maislinien sind aufgrund von unvollständigen oder fehlenden Daten die Schlussfolgerungen der Antragsteller im Bezug auf die Sicherheit der Maislinien nicht vollständig nachvollziehbar und Mängel und Schwächen in der Risikoabschätzung ersichtlich, speziell im Fall Mais MON810.

Die Mängel und Schwächen sind in beiden Fällen ähnlich und lassen sich wie folgt beschreiben:

  • Die Abschätzung möglicher toxischer oder allergener Risiken konzentriert sich ausschließlich auf die neu eingebrachten Proteine und blendet mögliche unbeabsichtigte Sekundäreffekte der genetischen Veränderung auf die gesamte Pflanze weitgehend aus. Die Bedeutung von nicht-beabsichtigten Sekundäreffekten wurde mehrfach in internationalen Expertenkonsultationen unterstrichen, unter anderem auch seitens FAO/WHO und Codex Alimentarius. Kürzlich wies auch die Europäische Kommission auf die Bedeutung von toxikologischen Fütterungsstudien und Allergenitätsstudien mit der gesamten Pflanze für die Abschätzung von derartigen nicht-beabsichtigten Effekten hin.
  • Aus Mikroorganismen hergestellte Testproteine sind nur bedingt repräsentativ für die Eigenschaften der analogen in GV-Pflanzen gebildeten Proteine. Eine unterschiedliche Prozessierung von Proteinen in Pflanzen und Mikroorganismen und damit auch die Möglichkeit von unterschiedlichen gesundheitsrelevanten Eigenschaften wurde kürzlich durch eine australische Studie mit genetisch veränderten Erbsen gezeigt. In dieser konnten immunogene Effekte des heterologen Proteins nachgewiesen werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf unterschiedliche posttranslationale Modifikationen in Ziel- und Wirtsorganismus zurückzuführen sind.
  • Die Abschätzung möglicher allergener Risiken basiert im Wesentlichen auf Homologievergleichen der zusätzlichen Proteine mit bekannten Allergenen, in-vitro Verdauungsstudien und Erfahrungen mit der sicheren Anwendung der Proteine (in beiden GV-Maislinien), geringer Konzentration des Proteins in der Pflanze (GV-Mais MON810) und der Abwesenheit von Glykosylierung (GV-Mais T25). Neuere wissenschaftliche Erkenntnissen haben jedoch gezeigt, dass diese Methoden keine hinreichend verlässlichen Rückschlüsse über die allergenen Risiken ermöglichen und sowohl zu falsch-positiven als auch zu falsch-negativen Ergebnissen führen können.
  • Inhalation wird nicht als relevanter Expositionsweg berücksichtigt, obwohl diese einen wichtigen Sensibilisierungspfad darstellt.
  • Mögliche Änderungen der sensibilisierenden Eigenschaften von neu eingefügten Proteinen bzw. Pflanzen wurden nicht berücksichtigt.
  • Die toxikologischen Endpunkte reduzieren sich auf akute Toxizität (Mais MON810) bzw. 14-Tage subakute orale Toxizität (Mais T25) bei Nagetieren. Derartige Untersuchungen ermöglichen keine bzw. nur ungenügende Rückschlüsse auf Langzeiteffekte.
  • Die Feststellung von substanzieller Äquivalenz (mit Ausnahme der zusätzlich eingeführten Eigenschaft) beruht im Wesentlichen auf vergleichenden Inhaltsstoffanalysen einer geringen Anzahl von Parametern, die weder dem OECD noch dem industrieeigenen Standard entspricht. 

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass - im Lichte neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse - die Risikoabschätzungen in beiden Maislinien keine hinreichend verlässlichen Schlussfolgerungen bezüglich Sicherheit ermöglichen. Die Risikoabschätzungen entsprechen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht den Anforderungen des Annex II der Richtlinie 2001/18/EG.

(30.05.2007)

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