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Ungesunde Schönheitsideale: Maßnahmen für ein selbstbewusstes Körperbild

Essstörungen im Vormarsch

Magersucht ist eine der schwersten Krankheiten, die die Psychiatrie kennt. Die Sterblichkeit ist doppelt so hoch wie bei einer depressiven Erkrankung. Sogenannte „Eating-Disorders“ gehören mittlerweile zu den häufigsten Störungen im Jugendalter. Neben genetischen und sozio-kulturellen Faktoren spielen Familiensituation und individuelle Persönlichkeit eine Rolle. Doch auch das von den Medien und der Modewelt geprägte Schönheitsideal prägt maßgeblich die überkritische Beurteilung des eigenen Körpers.

Der Traum vom makellosen Körper kann zum Alptraum werden

Angesichts von Schönheitsköniginnen und Models mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 fühlen sich viele Jugendliche in ihrer Haut zu dick. Der BMI beschreibt das Verhältnis von Körpergröße zu Körpergewicht; liegt er zwischen 20 und 24, so gelten Frauen als normalgewichtig. Im Zuge einer Studie, bei der deutsche Patientinnen mit Essstörungen zu ihrer Krankheit befragt wurden, gab ein Drittel an, "Germany’s next Topmodel" sei für den Ausbruch der Krankheit entscheidend gewesen. Gar 85 % der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Castingshow Magersucht und Bulimie verstärken kann.

Im Rahmen der bisher größten Studie zu Essstörungen in Österreich, die vom AKH durchgeführt wurde und bei der 3500 Jugendliche befragt wurden, gab es Mitte Februar 2016 ein erstes alarmierendes Zwischenergebnis: für Essstörungen anfällig sind 31 % der Mädchen, 15 % der Burschen.

Wunsch nach Glück, Norm(alis)ierung und Verlangen nach Aufmerksamkeit

Nicht nur das gängige Schönheitsideal treibt Frauen und junge Mädchen ins freiwillige Leiden, sondern auch das Verlangen nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Kontrolle über sich selbst (ohne von außen bestimmt zu werden).

Gleichzeitig ist es für viele Menschen erstrebenswert, sich an die „Norm“ anzupassen und dadurch gesellschaftlich aufzusteigen. Denn die Eliten des 21. Jahrhunderts sind nicht selten schlank, schön und künstlich junggeblieben. Das Stereotyp des ältlichen Millionärs, der sich mit einer jungen und schönen weiblichen „Trophäe“ schmückt, findet im wahren Leben vielfach Bestätigung.

Internet, Unterhaltungs- und Modeindustrie: Wie unwirkliche Welten das echte Leben bestimmen

Das Medienzeitalter erschafft eine virtuelle Welt, die es auch der breiten Masse ermöglicht, den eigenen Körper entsprechend der Vorgaben durch Mode, Werbung und Fernsehen zu inszenieren – Instagram, Photoshop, „Sexting“: alles Trends, die sich großer Beliebtheit erfreuen, aber gleichzeitig erhebliche Gefahren wie Mobbing, Stalking und den Verlust der Privatsphäre bergen.

Kleidergröße "Zero"?

Manche Mode-DesignerInnen und Fashionshows propagieren winzige Kleidergrößen, bis zu "Zero", was nachweislich kaum einer gesunden, mittelgroßen Durchschnittsfrau passen würde. Denn fast die Hälfte der Frauen in Österreich (45 %) trägt Größe 40!

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Maßnahmen in Österreich

Retusche-Barometer

Auf Initiative der Frauenministerin gibt es seit 2014 das "Retusche-Barometer" auf der Website des Werberates.

Schönheits-Ops

Seit 1.1.2013 dürfen Schönheitsoperationen bei unter 16-Jährigen nicht mehr durchgeführt werden, denn auch bei diesen Eingriffen kann es zu weitreichenden unerwünschten Nebenwirkungen und unerwartete Folgen oder Komplikationen kommen. Bei 16- bis 18-Jährigen dürfen Schönheitsoperationen nur durchgeführt werden, wenn zuvor eine psychologische Beratung erfolgte. Die Einwilligung durch die Erziehungsberechtigten und die Einwilligung durch die Patientin bzw. den Patienten muss vorliegen. Mehr zum Thema unter help.gv.at.

Regulierungen in der Modelbranche

In puncto Body-Mass-Index ist in Österreich bisher noch keine gesetzliche Regelung verabschiedet worden, wenngleich sie von zahlreichen AkteurInnen gefordert wird. So wurde 2016 die Arbeitsgruppe "Legistische Maßnahmen gegen Magermodels" eingerichtet.

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Maßnahmen in anderen Ländern

Frankreich

Frankreich hat 2015 gesetzliche Regelungen im Kampf gegen Essstörungen und für ein gesundes Schönheitsbild erlassen.

In Frankreich sind laut jüngsten Studien 30.000 bis 40.000 Personen an Magersucht erkrankt. Mittels mehrerer Gesetze soll ein gesünderes Schönheitsbild in der Model- und Werbebranche propagiert werden:

Im Dezember 2015 wurde beispielsweise im Kampf gegen die Magersucht und zu dünne Models im Rahmen eines Legislativpakets für eine Modernisierung des Gesundheitswesens ein entsprechender Gesetzesartikel im französischen Code du Travail erlassen, gemäß welchem der Gesundheitszustand von Models (anhand von Morphologie, Geschlecht, Alter, Menstruation,…) von einem Arzt (dem médecin de travail) zu attestieren ist. Dabei ist insbesondere der BMI zu berücksichtigen. Zu Beginn des Gesetzgebungsprozesses war geplant, einen gesetzlichen Mindest-BMI festzulegen. Dies stieß jedoch auf Widerstand; es müsse eine gesamtheitliche Beurteilung erfolgen, so die Kritik. Im Falle einer Missachtung drohen eine bis zu sechsmonatige Haftstrafe und eine Geldstrafe von bis zu 75.000 Euro.

Darüber hinaus wurde im Code de la Santé eine Bestimmung erlassen, gemäß welcher digital bearbeitete Fotos von Models (etwa in Werbeanzeigen von Zeitschriften) mit dem Hinweis zu versehen sind, dass sie verändert wurden. Verstöße werden mit einer Geldstrafe von bis zu 37.500 Euro geahndet. Beide Gesetze werden durch Erlasse über ärztliche Atteste für Models und eine Retusche-Kennzeichnungspflicht präzisiert, welche im Mai 2017 erlassen wurden. Die genauen Bestimmungen, inklusive jene der Erlasse, sind im Folgenden kurz zusammengefasst:

Code du travail , Art L. 7123-2-1, Sous-section II de la Section 1 du Chapitre III du titre II du livre Ier de la septième partie

  • Verpflichtende medizinische Atteste für Models
    • Beurteilt wird die Eignung des Gesamtgesundheitszustand für die Berufsausübung, insb. auf Basis des BMI
    • Die Beurteilung erfolgt durch den "médecin de travail"
    • Die Verpflichtung richtet sich an die Agenturen, NICHT die Models
  • Definition erfolgt durch Verordnung
  • Sanktionen (Art L7123-27; Code de travail Sektion 4 vgl. oben): 6 Monate Haft + EUR 75.000
    • Sanktionen betreffen die Agenturen, NICHT die Models

Code de la santé (Gesundheitsgesetz), Art L. 2133-2 , Chapitre III du titre III du livre Ier de la deuxième partie

  • Kennzeichnungspflicht (“Photographie retouchée”) bei kommerziell verwendeten retuschierten Fotos (Def. gemäß Art L 7123-2 Code du travail: direkte oder indirekte Veröffentlichung mittels visueller, audiovisueller Medien, Produkte, Dienstleistungen oder Werbung bzw. Verwendung von Aufnahmen aus Model-Tätigkeiten), wo die körperliche Erscheinung durch ein Bearbeitungsprogramm verändert wurde
  • Definition erfolgt durch Verordnung (erst dann tritt der Artikel in Kraft; mangels VO tritt er am 1.1.2017 in Kraft)
  • Sanktionen: EUR 37.500 

Erlass vom 4. Mai 2017 betreffend ärztliche Atteste zur Ausübung von Modelltätigkeiten

Im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen des Code du Travail sind ärztliche Atteste, die insbesondere den BMI im Rahmen der Beurteilung des Gesundheitszustands von Models berücksichtigen, einzuholen, die die gesundheitliche Befähigung zur Ausübung von Model-Tätigkeiten attestieren. Gültigkeit behalten die Atteste für längstens zwei Jahre. Dies gilt sowohl für Voll- als auch für Minderjährige, die durch in Frankreich, der EU oder dem EWR ansässige Modelagenturen angestellt werden oder die an Model-Castings für entlohnte Modeljobs teilnehmen. Dem Erlass liegen für Erwachsene die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten und ihm Rahmen ihrer Kategorisierung von Untergewicht, Übergewicht und Adipositas entwickelte Definition und Berechnungsmethode des BMI und für Kinder die in Frankreich entwickelten Referenzen und Bewertungsmethoden, um Unterernährung bei Kindern festzustellen, zugrunde. Der Erlass trat direkt nach seiner Veröffentlichung in Kraft.

Erlass vom 4. Mai 2017 betreffend kommerziell genutzten Fotos von Models, deren Aussehen verändert wurde

Der Erlass enthält die im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen festzulegenden Anwendungsmodalitäten zur Kennzeichnung « retuschiertes Foto », die bei kommerziell verwendeten Fotos von Models anzubringen ist, sofern das körperliche Erscheinungsbild mit einem Bildbearbeitungsprogramm bearbeitet wurde. Die Verpflichtung der Kennzeichnung erstreckt sich auf kommerziell verwendete Fotografien von Models, die zu Werbezwecken verbreitet werden, insbesondere durch Plakatierung, Online-Darstellung, Presse- und Medienveröffentlichungen, Werbematerial für Privathaushalte und Werbedrucke für die Öffentlichkeit. Die Information « retuschiertes Foto », ist dabei so anzubringen, dass sie zugänglich und leicht verständlich ist und sich klar von allfälligen Werbe- oder PR-Nachrichten abhebt. Der Erlass tritt am 1. Oktober 2017 in Kraft.

 

Video Magermodel

"Dem Magerwahn Grenzen setzen" - Frankreichs Maßnahmen für ein gesundes Schönheitsbild

 

Videoproduktion: Abteilung III/1, Bundeskanzleramt (vormals BMGF)

  • Interview mit Catherine Coutelle (Abgeordnete der Assemblée Nationale), Durchführung: Mag. Birgit Eigelsreiter, MA, MA

Weiters wird auf die Sendung "C à vous" vom 16. März 2015 verwiesen. Darin nahm der ehemalige Abgeordnete der Assemblée Nationale und Initiator der französischen Gesetzesvorlagen zur Bekämpfung von Magermodels und übermäßigen Retuschierung von Fotos, Olivier Véran (PS), Stellung zu den Entwürfen. Es ist anzumerken, dass die Gesetzesentwürfe zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht angenommen waren und im Anschluss teilweise modifiziert wurden. Zur besseren Nachvollziehbarkeit können Sie hier eine deutsche Zusammenfassung nachlesen.

Belgien

2009 wurde den Modefachkreisen eine Charta zur Bekämpfung der Anorexie vorgeschlagen. 2013 schlugen drei wallonische Abgeordnete eine Gesetzesänderung vor, welche die Verpflichtung beinhaltete, Bearbeitungen von Fotos sowie das Alter der Models in Werbeplakaten anzugeben. Das Parlament hat diesem Gesetzesentwurf im November 2013 einstimmig zugestimmt, seitdem sind aber keine weiteren Maßnahmen getroffen worden.

Deutschland

VertreterInnen der deutschen Modewirtschaft verabschiedeten am 11. Juli 2008 gemeinsam mit der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eine Selbstverpflichtung der Textil- und Modebranche im Rahmen der Charta "Leben hat Gewicht“.

Demnach müssen Models bei Modeschauen und auf Fotos künftig mindestens einen BMI von 18,5 aufweisen und mindestens 16 Jahre alt sein. Ziel der Initiative ist es, jungen Menschen in positives Körperbild zu vermitteln und das Selbstwertgefühl zu stärken. Möglichst viele gesellschaftliche Gruppen werden in die Debatte miteinbezogen und es soll ein Gegengewicht zu den verbreiteten Schönheitsidealen gesetzt werden.

Italien

Der italienische Modeverband traf im Dezember 2006 mit der italienischen Regierung eine Übereinkunft, nach der Laufstegmodels mindestens 16 Jahre alt sein und wie in der spanischen Regelung einen BMI von mindestens 18 haben müssen.

2014 legten italienische Parlamentarierinnen einen Gesetzesentwurf vor, der eine Strafe für "Anstiftung zur Magersucht" vorsieht. Personen, die auf Webseiten Schlankheitswahn verherrlichen, sollen mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden können. Vorgesehen sind auch Geldstrafen bis zu 100.000 Euro.

Israel

Als erstes Land weltweit hat Israel den Einsatz untergewichtiger Models per Gesetz untersagt, welches mit 1. Jänner 2013 in Kraft getreten ist. Es gilt als die strengste gesetzliche Regelung weltweit. Israelische Models sind dazu verpflichtet, ihren ArbeitgeberInnen alle drei Monate eine ärztliche Bescheinigung darüber vorzulegen, gemäß welcher ihr BMI die von der WHO festgelegte Norm von 18,5 nicht unterschreitet. Anderenfalls drohen den ArbeitgeberInnen hohe Geldstrafen. Des Weiteren sind der digitalen Bearbeitung von Fotos enge gesetzliche Grenzen gesetzt: So darf der Körperbau nicht digital verschlankt werden und müssen Bearbeitungen auf Plakaten mit erkennbaren Hinweisen versehen werden. Bearbeitete Fotos sollen demnach in Zukunft mit einem deutlich erkennbaren Hinweis versehen werden und dies unabhängig davon, ob es sich um eine Magazinanzeige, ein Poster oder anderes Werbematerial handelt.

Spanien

Auf nationaler Ebene gibt es keine verbindlichen Rechtsvorschriften. Allerdings ist im September 2006 durch Beschluss der Bezirksregierung von Madrid Models bei der Madrider Modewoche Pasarela Cibeles erstmals der Auftritt untersagt worden, deren BMI unter 19 liegt, um Magersucht und Bulimie vorzubeugen. Diese Untergrenze für eine Teilnahme wurde auf Ratschlag von ErnährungswissenschaftlerInnen festgelegt.

2007 hat die spanische Regierung eine Vereinbarung mit einigen großen Marken des Landes, wie Zara oder Mango getroffen, gemäß derer in den Schaufenstern keine Puppen mit einer kleineren Kleidergröße als Größe 38 ausgestellt werden dürfen. Außerdem soll die Mode in Übergrößen nicht mehr am Ende der Geschäfte zu finden sein.

USA

2007 hat der Council of Fashion Designers of America eine Liste von Richtlinien veröffentlicht, welche die Gesundheit der Models während der New Yorker Fashion Week sicherstellen sollten. Per Gesetz wurden jedoch keine verbindlichen Maßnahmen bzw. Regelungen getroffen.

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